Dietsch@bookwyrm.de reviewed Kreuzfahrer by Dan Jones
Erzählt, nicht erklärt.
4 stars
Dan Jones kann schreiben, das steht außer Frage. „Kreuzfahrer" liest sich über fünfhundert Seiten flüssig weg, und der Ton trifft es genau: ernsthaft im Umgang mit dem Gegenstand, aber nie feierlich, mit einer trockenen Ironie, die dem Stoff guttut. Am stärksten ist das Buch dort, wo es seinen Figuren nahekommt — etwa in den ausgiebigen Passagen nach Anna Komnene, deren Blick auf den Ersten Kreuzzug dem Geschehen eine Unmittelbarkeit gibt, die keine Zusammenfassung erzeugen könnte.
Was mich zunehmend gestört hat, ist die Drastik. Dass ein Buch über die Kreuzzüge voller Gewalt ist, versteht sich; hier aber kehren niedergemetzelte Zivilisten, getötete Frauen und Kinder, aufgeschlitzte Leiber in einer Ausführlichkeit wieder, die irgendwann nicht mehr informiert, sondern nur noch anödet. Jones beruft sich dabei auf zeitgenössische Quellen, aber er hat sich diese Quellen ausgesucht, und er ordnet sie kaum ein — dass mittelalterliche Chronisten aus Propagandagründen übertrieben, bleibt weitgehend unerwähnt. Es entsteht …
Dan Jones kann schreiben, das steht außer Frage. „Kreuzfahrer" liest sich über fünfhundert Seiten flüssig weg, und der Ton trifft es genau: ernsthaft im Umgang mit dem Gegenstand, aber nie feierlich, mit einer trockenen Ironie, die dem Stoff guttut. Am stärksten ist das Buch dort, wo es seinen Figuren nahekommt — etwa in den ausgiebigen Passagen nach Anna Komnene, deren Blick auf den Ersten Kreuzzug dem Geschehen eine Unmittelbarkeit gibt, die keine Zusammenfassung erzeugen könnte.
Was mich zunehmend gestört hat, ist die Drastik. Dass ein Buch über die Kreuzzüge voller Gewalt ist, versteht sich; hier aber kehren niedergemetzelte Zivilisten, getötete Frauen und Kinder, aufgeschlitzte Leiber in einer Ausführlichkeit wieder, die irgendwann nicht mehr informiert, sondern nur noch anödet. Jones beruft sich dabei auf zeitgenössische Quellen, aber er hat sich diese Quellen ausgesucht, und er ordnet sie kaum ein — dass mittelalterliche Chronisten aus Propagandagründen übertrieben, bleibt weitgehend unerwähnt. Es entsteht der Eindruck, er traue seinem Stoff nicht zu, aus eigener Kraft zu tragen. Das hat er nicht nötig.
Der zweite Einwand wiegt schwerer. Was folgt, ist über weite Strecken eine Abfolge von Belagerungen, Schlachten und gescheiterten Zügen, die ermüdet, weil sie erzählt und nicht erklärt wird. Militärgeschichte im eigentlichen Sinn ist es nämlich auch nicht: Wie Kriege damals geführt wurden, warum die Kreuzfahrerheere zeitweise überlegen waren und woran sich das Blatt wendete, erfährt man nicht. Und die Frage, die mich am meisten interessiert hätte, bleibt offen — was ging in diesen Menschen vor? Die Motive eines Fürsten waren andere als die eines Ritters und wieder andere als die der Männer im Tross, und wie ein Glaubensgerüst beschaffen sein muss, damit jemand für einen Sündenerlass die halbe bekannte Welt durchquert und dort Krieg führt, wird gestreift statt ausgeleuchtet. Ähnlich bei der Einordnung: Jones lässt sein Buch dort enden, wo Europa nach Westen aufbricht und die Kolonisierung beginnt. Wer so schließt, legt eine Verbindung nahe — und schuldet dann auch die Frage, in welcher Kontinuität das Ganze eigentlich steht und was ihm vorausging. Sieben von zehn Punkten. Bereut habe ich die Lektüre nicht.